Liebes Tagebuch

Ich zog die Decke wieder näher an mich ran, wohl das Auffälligste, das ich tun konnte, um mein Unwohlsein preiszugeben.Mein Blick richtete sich immer nur Richtung Wasser und dann war da diese Frage. Die Frage, die mich wirklich zum Nachdenken brachte, obwohl ich mich einen ganzen Sommer lang mit Selbstreflektion und persönlichem Wachstum beschäftigt hatte.

"Marlene, sei mal ganz ehrlich, was würdest du dir selbst vor fünf Jahren raten?"

Genau in diesem Moment ist mir bewusst geworden, dass ich so viel an meinen Gedankengängen und meiner Art gearbeitet habe, einfach deshalb, weil ich sie verändern wollte. Weil ich Veränderung brauchte - ob ich sie wollte oder nicht. Ich hab so viel über mich selbst gelernt, ich bin so viel gewachsen, aber eins habe ich trotzdem nicht: mich aktiv mit meiner Vergangenheit beschäftigt und komplett abgeschlossen. 

Vergangenheit tut weh, egal wann ich darüber nachdenke und fast egal, über welchen Teil davon.

Die zu starke Mutter und ihre zu hohe Erwartungshaltung und der daraus resultierende Leistungsdruck. Das Gefühl von Liebe und Zuneigung, welches mir nur galt, wenn ich 'gut genug war' oder Entscheidungen traf, die in ihrem Ermessen waren.
Vielleicht würde ich mir selbst raten, mehr Mut zu haben. Deine Mutter liebt dich auch dann noch, wenn du du selbst bist - gerade dann. Keine Wörter dieser Welt, die du von ihr über deinen Wert als Menschen hören wirst, sind wahr. Dieser Mensch wird dich leider nie richtig kennen, mach das zu deinem Vorteil. 

Die Clique, die sich gegeneinander ausspielte - der ständige Kampf um Macht, um Herrschaft. Ich erinnere mich daran, wie man von uns gesprochen hatte. Je nachdem wen man fragte, hatte man die Antwort: " Ach das ist die Clique von... " Der ewige Kampf darum, wer entscheidet, was wir machen und wer wir sind und seien wollen. Du hast so viele Menschen, die hinter dir sind, aber nicht Einen, der hinter dir steht. Sei in der Lage, dich selbst aufzufangen. Macht hat wirklich nichts mit deiner Stellung in der internen Hierarchie zutun, sondern damit, dass die Leute dich am Ende darauf reduzieren werden, an dass sie sich erinnern ; und Menschen erinnern sich immer daran, was sie bei dir gefühlt haben.

Die beste Freundin, die mir im Grunde mit meine größten Narben zufügte, ohne auch nur ein Gefühl von Mitleid zu hegen. Vielleicht irgendetwas wie: Ich glaube, du wirst niemals in deinem Leben einen so manipulativen und schlechten Menschen treffen, wie Sie. Nur weil du dein zweites Zuhause bei ihr gefunden hast, heisst es nicht, dass dies jemals Heimat seien wird oder dir das geben wird, was du ihr gibst. Du suchst hier an der falschen Stelle nach Werten, die diese Person nicht mit sich selbst identifizieren kann. Lass endlich los.
Und falls du das hier irgendwann einmal liest: Vielleicht erkennst du den Wert der Dinge irgendwann, ich hoffe es für dich - mit Vollendung dieses Satzes möchte ich dich wissen lassen, dass du keinen Platz mehr bei mir hast und dieser auch auf ewig versiegt ist. Da ist kein Gefühl mehr, nicht mal mehr Hass: ich vergebe dir.

Und die Vergewaltigung, die ich nie Vergewaltigung nannte, um mich ihr und dieser Nacht nicht stellen zu müssen. Es mindert nicht meinen Wert. Mein Wert ist nämlich nicht von Anderen abhängig. Es war und ist nicht meine Schuld - es ist seine. Nichts in der Welt rechtfertigt sein Verhalten. Wohl der wichtigste Rat, den ich mir selbst hätte geben müssen: Marlene, es ist und bleibt eine Vergewaltigung, auch wenn du es dir selbst nicht eingestehst. Es ändert nichts; ja, er hat dich geschlagen, gedemütigt und danach nicht mehr ansprechbar in der Kälte hinter einem unbewohnten Gebäude liegen lassen, er hat sich Besitz an dir verschafft, gegen deinen Willen und auch gegen jede Gegenwehr. Dein Spiegelbild hat Bände gesprochen, deine Angst auch. Erzähl jemandem davon und warte nicht drei Jahre, bis dir die ersten Details wieder hochkommen, weil du immer noch Albträume hast. Geh zur Polizei. Die Vergewaltigung wird dich in Stücke zerreißen, aber sie wird dich nicht beenden.



"Weisst du, ich glaube ich würde mir nichts raten, sondern mich entschuldigen.", sagte ich, während ich mich zum ersten Mal seit geraumer Zeit von meinem Ausblick auf das Wasser abwandte. "Es tut mir so unendlich leid, dass ich mich selbst nicht genug geliebt habe, dass ich mir selbst nicht wichtig genug war."

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Ich habe bewusst nie Tagebuch geschrieben, weil dies für mich immer Abstand und Abschied symbolisiert hat. Vielleicht hätte ich es trotz dessen tun sollen. Ich hab Distanz gewonnen, mit so wenigen Zeilen. Meine Vergangenheit tut mir jetzt nicht mehr weh, sie hat keine Kraft mehr über mich.
Ich habe abgeschlossen - Ich bin unverwundbar.

Diktion

"Ja. Ja, es hat wahrscheinlich einen tieferen Grund, einen Sinn dahinter, den wir gerade aber als Gegebenheit hinnehmen, weil es belanglos ist; zumindest scheint es so." 
Ich bleibe extra ein paar Schritte hinter dir stehen, um zu sehen, was du siehst, vielleicht auch um zu prüfen, ob du dich umdrehst, um nach mir zu sehen - ob du auf mich wartest oder zurückkommst. 
"Meinst du, dass das uns etwas sagen soll? Ich meine damit, dass es so nebelig ist und wir die Aussicht nicht genießen können.", zersplitterst du meinen Gedankengang in eine ganz andere Sichtweise - wie mit Absicht, nur spontan zielgerichtet. So, als würde man treffen, obwohl nur zögerlich versiert wurde. 
"Meinst du, damit soll uns etwas gesagt sein? Ich meine damit, dass es so nebelig ist und wir nur bestimmte Dinge sehen und vielleicht die Aussicht so viel eher auf das Wesentliche, das Verborgene, übertragen können.", erwiderte ich, während ich dich von der Seite anlächelte, weil ich wusste, was es mit dir macht, bevor ich es ganz ausspreche. 
Du unterdrückst dein Lächeln, du wusstest es ebenfalls. Wir wissen es beide. „Gehen wir?“ Wir gehen; du mir ein paar Schritte hinterher, vielleicht um zu sehen, ob ich stehen bleibe, vielleicht um zu reflektieren, warum du selbst das so oft machst.
Und wenn wir uns dann ansehen, während wir eigentlich am Fahren sind, dies jedoch seit Stunden nur noch als Nebeneffekt ansehen, weil das Wirkliche, dass das nachklingt, der Moment ist, den wir angehalten haben - der Moment, wo wir nur uns sehen und uns anstrahlen. „Weißt du, was ich gerade in dieser Sekunde gedacht habe, als ich dich einfach nur angesehen habe, Marlene ? Dass ich dich wirklich über alles liebe. Über alles.“

Ja, ich wusste es, ich wusste was du genau in dieser Sekunde gedacht hast, denn das ist es - weil du weißt, was du mit mir machst, bevor du es ganz aussprichst; meine Gedanken waren exakt die Gleichen, du warst nur schneller mit deinen Worten. "Über alles."

Aval

"Was hast du gefühlt Marlene?", sagst du auf einmal ganz schnell, nachdem du das Radio wieder leiser gedreht hast. Ich hab bemerkt, dass du drüber nachgedacht hast, ob du mir diese Frage jetzt stellst. Ich male mir deinen inneren Monolog aus, während ich darüber nachdenke, wie ich antworten kann, ohne zu antworten. "Ich meine, als sich unsere Hände berührt haben.", ergänzt du sofort, um mir meinen Ausweg zu nehmen; du hast gemerkt, dass ich ihn suche.

"Und was fühlst du jetzt?", kommentierst du dich selbst, als ob du dir gerade selbst Mut machst, um nach meiner Hand zu greifen. Spätestens dort war der Zeitpunkt, an dem wir beide wussten, dass dieser gesamte Komplex, den wir aufgebaut haben, nicht hält. Mit jedem Blick ist es ein bisschen mehr in sich zerfallen. Mit jedem Lächeln und dem verlegenen zur Seite Schauen, wenn wir uns zu lang in die Augen gesehen haben, als wir es uns selbst zu Anfang doch gestattet hatten, hat es sich aufgelöst."Ich fühle gerade so so viel, genau das Selbe wie du. Wir fühlen gleich." 

Der Ausblick hat uns nicht interessiert, aber viel gezeigt. Wer werden wir irgendwann sein? Wir wissen es nicht, Alles vielleicht. Wir waren uns nur bei einer einzigen Sache sicher: 
"Wir schaffen das irgendwann." .. "Ich weiß, Marlene."
Und ja, wir wissen, dass wir uns lieben. Dass wir uns zu oft auf die Probe stellen und Angst haben, dass wir uns verletzten, trotz des Wissens, dass wir beide irgendwie nicht ohne einander können. Dass es unverständlich für Andere sein mag, aber für uns so unendlich viel Sinn ergibt, weil wir uns sicher sind, sicher mit uns. Dass es vielleicht noch schwieriger wird, bevor wir endlich da ankommen können, wo wir beide hinwollen - zu zweit in ein Zuhause.

Und ja, ja ich habe diesen leise geflüsterten Satz gehört. Diesen Satz, während wir unendlich froh waren, uns wiederzuhaben - uns nicht mehr vermissen zu müssen. Diese Momente, die viel zu schnell vergingen, die wir jetzt versuchen festzuhalten und nicht mehr loszulassen, weil da so viel Gefühl auf einmal war; ausschließlich Gefühl und nicht eine Sekunde irgendetwas anderes. Und ja:

"Ich liebe dich auch, immer."

Desserts

Ich steh' an meiner Dachschräge, seh' zum Fenster raus und denke nach; dann zucke ich zusammen. Das Geräusch. Ich wusste es sofort. 

Und dann kam es angerannt, angestürmt. Ich setzt' mich auf meine Kommode vor meinem Bett, da wo wir sonst immer zusammen gegessen haben. Ich sitze hier oft - aber das gestehe ich mir eigentlich nicht ein. Es kommt mir immer näher, es legt sich wieder zu mir. Beängstigend, wie es Komfort in meiner Nostalgie findet. Erstaunlich, wie ruhig es sich bettet. Ich nehme es in die Hand, beginne zu lesen, mitzufühlen. Nur es bringt mich dazu. Ich hasse es dafür, dass es das kann - dafür liebe ich es. Ich war schon immer davon fasziniert, wie ich mich etwas Gefährlichem so verbunden fühlen kann - etwas so tiefsinnig ineinander Verkettetes. Als hätte es uns ausgesucht. Ich höre den versteckten Vorwurf, ich untermale ihn mit meiner Schuld. Denn das ist es, was ich fühle: obwohl es gegangen ist, aus freien Stücken. Zuflucht in anderen Häusern gesucht hat, damit ich feststellen muss, dass das Haus, das mir Sicherheit bot, vielleicht ein goldener Käfig war. Es bringt mich zum Weinen - zum Fühlen. Es hat uns vielleicht verlassen, aber Abschied war da nie. Werden wir das jemals ganz; uns lösen?Ooder haben wir uns dafür zu sehr ineinander verzweigt - verwurzelt? 

Dein Fehlen tut mir weh. 





Das Eutektikum

Ich schau aus dem Fenster und seh' wie die Autos links an mir vorbeiziehen und rechts immer kleiner werden. Das Radio läuft, dabei höre ich sonst nie Musik - nehme sie nur als Geräuschkulisse wahr, ich brauch ein bisschen Ablenkung: ich bin nervös. 
Noch 114 Kilometer, bis ich da bin; endlich da bin. Endlich, oder? 

Steige aus meinem Auto, nehme noch meine Tasche mit, suche nachdenklich nach dem Haus, wo er wohnt und als ich dann endlich vor seiner Haustür stehe und das Klingelschild seh', warte ich. Soll ich wirklich? Ja, wirklich. Die Tür geht auf und ich laufe die Treppen hoch, er lächelt mich an, umarmt mich sofort. Er merkt mir nichts an.


Ich weiß auch nicht, was es war, dass es genau so war
- aber ich hoffe, dass es ist und bleibt.

Denn das brauche ich jetzt. Ich brauche deine Nähe, die ich wegstoßen kann. Ich brauche die Nächte und das hin und her, bis ich belanglos in deinem Bett einschlafen darf. Ich brauche die fremde Stadt, dass Gefühl, dass mich keiner kennt und erst recht nicht er. Ich kann es nicht abwarten zu dir zu fahren, ich kann nicht aufhören daran zu denken, dass ich endlich wieder von dir weg kann. Ich brauche die Gewissheit, nur in deinem T-Shirt bekleidet durch die fremde Wohnung zu laufen und zu wissen, dass dieser Ort niemals das für mich sein wird, was er sein sollte. Ich brauche Distanz, ich brauche meine Kontrolle, aber eigentlich brauche ich ihn.