Vergissmeinnicht

"Mama?", flüstere ich ganz leise, nachdem ich gehört habe, wie sie meine Schiebetür des Kleiderschranks mit Wucht zuschlägt, weil sie es hasst. Weil sie es hasst, wie ich ein Synonym für ein Stück Familie durch den Flur flüstere, aus Angst vor Reaktion und aus Schuld, weil sie weiß, warum ich dieses Wort nur leise ausspreche.

Sie kommt wortlos in mein Zimmer und setzt sich auf den Drehstuhl in der Ecke, in den ich mich immer setzte, wenn jemand die Treppe hochkommt, damit es nicht so aussieht, als würde ich wieder aus dem Fenster starren. 
Sie schaut mich fragend an. 
"Mama,", sage ich etwas lauter, "ich kaufe mir jetzt eigene Blumen". Sie schaut weiterhin fragend und bringt mir nur ein "Du kümmerst dich doch sowieso nicht darum." entgegen.
"Das ist auch mein Ziel.", antworte ich mit viel mehr Selbstsicherheit, als ich mir zugetraut hatte.

Ich kaufe mir jetzt Blumen, einen ganzen Strauß davon. Und dann? Dann lasse ich sie eingehen. 

Ich stell sie auf den weißen Glastisch und werde kein Wasser in die Vase füllen. Ich werde sie in der Mitte durchschneiden und auf die klischeehaften Schminkkommode legen. Ich reiße ihr ein paar Blätter aus und werfe sie in ein teures, durchsichtiges Champagnerglas. Ich schmeiße den Rest des schönes Gestecks weg und trappiere das übrig gebliebene Geäst in einer leeren Rotweinflasche.

Ich kaufe mir jetzt Blumen, einen ganzen Strauß davon. Und sie gehören nur mir. Ich schenke sie mir selbst.

Ich möchte dabei sein, wenn ich sie mir selbst schenke und dabei verlegen lächle. Ich will sehen, wie ich sie stolz zu meinem Auto trage und auf meinen leeren Beifahrersitz lege. Ich möchte mir dabei zusehen, wie ich sie zur Tür trage und mir selbst überreiche. Ich kann nicht abwarten zu sehen, wie verliebt ich in mich bin. Wie ich im Vorbeigehen zur Küche in den Spiegel sehe und mich sehe. 
Nur mich und meine Blumen. 
Ich werde mir die schönsten Plätze für sie aussuchen, genau da, wo ich sie immer sehen und bewundern kann. Aber; sie werden kein Wasser bekommen.

Ich kaufe mir jetzt Blumen, einen ganzen Strauß davon. Ich mache mir ein Liebesgeständnis.



05122017

27

Ich lege auf. Ich weine. Ich stehe an der Dachschräge und sehe zum Fenster raus. Damals habe ich gehofft, dass dein Auto vorfährt, mit Dingen beladen, die wir zusammen in deinem Zimmer deponiert hatten, als seien wir schon zusammengezogen. Und jetzt? Ich stell mir vor, wie du gleich vorfährst, in der Hoffnung, dass die Dinge dir wir jetzt in deinem Zimmer deponiert haben, weil wir schon ein bisschen zusammengezogen sind, nicht auf dem Beifahrersitz stehen.
Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf der Kommode, auf der wir immer zusammen essen. Damals, als du mir endlich geschrieben hast, saß ich auch hier. Ich weiß noch, mit wie viel Angst ich diese Nachricht geöffnet habe. Weil ich wusste, dass du mir mit jedem Buchstaben wieder unter die Haut gehst, weil ich meine Mauern nicht aufrecht erhalten kann. Weil ich es nicht kann, dich nicht zu lieben. Weil du mein Herz ausmachst.
Und jetzt sitze ich hier, mit all meinen Wörtern, die alle auf mich einstürzen. Das einzige Dach, was mir bleibt, bevor sie auf mich niederfallen, hast du gebaut. Ich hoffe so sehr, dass es hält. Dass es stark genug ist. Dass diese Verbindung nicht durch drei Tage Regen einbricht. Denn dann breche ich. Ich werde brechen. In kleine Stückchen meiner Selbst, für die ich keine Kraft habe, um sie einzusammeln. Ich halte mich an einer undefinierten Zeitvorgabe fest und hoffe. Ich hoffe für uns.

Dann sehe ich wieder zum Fenster raus. Wir lieben uns doch mehr als alles andere auf dieser Welt. Die Leute nennen mich deine Schwäche und das ist wahr. Ich schwäche dich in der schönsten Art und Weise der Welt.
Ich stehe auf und gehe zur Dachschräge. Wir sind ganz großes Kino. Wir sind perfekte Dramatik. Wir sind das Klischee zu jedem "Das Schicksal kreuzt die Wege derjenigen die zusammen gehören so lange, bis sie es verstehen.". Ich denke nach. Was ist, wenn wir 27 sind? Haben wir dann endlich das, was wir wollen? Leben wir endlich mit eigenen Kindern? Haben wir es endlich geschafft? Bist du endlich gesund und geheilt?

Ich will nicht ohne dich sein, ich kann es auch einfach nicht. Ich kann nicht mit 27 alleine durch meine Wohnung laufen und jedes Mal melancholisch werden, weil ich uns zusammen in der Küche sehe. Weil ich mich dann weg drehen muss, nur um uns zuzusehen, wir wir uns beim Zähneputzen mit Wasser bespritzen. Weil ich sehe, wie wir zusammen auf dem Sofa liegen und so lange über die Fernbedienung streiten, bis wir dort Sex haben, nur um dann an mir runterzublicken und den Ring mit deinem Versprechen an einer Schnur um meinen Hals baumeln zu sehen. Ich kann nicht. Ich kann nicht ohne dich. Und du auch nicht. Du kannst es nicht. Du kannst es nicht einmal, obwohl du es mit allen Mitteln versucht hast. Ich bin deine Mitte, ich bin dein Magnet. Ich bin dein Alles. Dein Alles was du hast. Das beste was dir passiert ist. Ich bin das, was dich zum Fühlen bringt, obwohl du es nicht magst. Ich bin das, was du siehst, wenn du an Wasser denkst. Ich bin dein einziges richtiges Zuhause. Ich bin der Mensch, den du liebst. Der Mensch, dem du nie verabschieden kannst und der Mensch, dem du die Worte "Ich liebe dich nicht" nie sagen konntest, weil es eine Lüge wäre. Obwohl dir Lügen sonst doch so einfach über die Lippen gehen. Ich bin dein Schmerz und die Luft, dir dir aus Schuldgefühl den Atem nimmt.



02122017

Liebes Tagebuch

Ich zog die Decke wieder näher an mich ran, wohl das Auffälligste, das ich tun konnte, um mein Unwohlsein preiszugeben. Mein Blick richtete sich immer nur Richtung Wasser und dann war da diese Frage. Die Frage, die mich wirklich zum Nachdenken brachte, obwohl ich mich einen ganzen Sommer lang mit Selbstreflektion und persönlichem Wachstum beschäftigt hatte.

"Marlene, sei mal ganz ehrlich, was würdest du dir selbst vor fünf Jahren raten?"

Genau in diesem Moment ist mir bewusst geworden, dass ich so viel an meinen Gedankengängen und meiner Art gearbeitet habe, einfach deshalb, weil ich sie verändern wollte. Weil ich Veränderung brauchte - ob ich sie wollte oder nicht. Ich hab so viel über mich selbst gelernt, ich bin so viel gewachsen, aber eins habe ich trotzdem nicht: mich aktiv mit meiner Vergangenheit beschäftigt und komplett abgeschlossen. 

Vergangenheit tut weh, egal wann ich darüber nachdenke und fast egal, über welchen Teil davon.

Die zu starke Mutter und ihre zu hohe Erwartungshaltung und der daraus resultierende Leistungsdruck. Das Gefühl von Liebe und Zuneigung, welches mir nur galt, wenn ich 'gut genug war' oder Entscheidungen traf, die in ihrem Ermessen waren.
Vielleicht würde ich mir selbst raten, mehr Mut zu haben. Deine Mutter liebt dich auch dann noch, wenn du du selbst bist - gerade dann. Keine Wörter dieser Welt, die du von ihr über deinen Wert als Menschen hören wirst, sind wahr. Dieser Mensch wird dich leider nie richtig kennen, mach das zu deinem Vorteil. 

Die Clique, die sich gegeneinander ausspielte - der ständige Kampf um Macht, um Herrschaft. Ich erinnere mich daran, wie man von uns gesprochen hatte. Je nachdem wen man fragte, hatte man die Antwort: " Ach das ist die Clique von... " Der ewige Kampf darum, wer entscheidet, was wir machen und wer wir sind und seien wollen. Du hast so viele Menschen, die hinter dir sind, aber nicht Einen, der hinter dir steht. Sei in der Lage, dich selbst aufzufangen. Macht hat wirklich nichts mit deiner Stellung in der internen Hierarchie zutun, sondern damit, dass die Leute dich am Ende darauf reduzieren werden, an dass sie sich erinnern ; und Menschen erinnern sich immer daran, was sie bei dir gefühlt haben.

Die beste Freundin, die mir im Grunde mit meine größten Narben zufügte, ohne auch nur ein Gefühl von Mitleid zu hegen. Vielleicht irgendetwas wie: Ich glaube, du wirst niemals in deinem Leben einen so manipulativen und schlechten Menschen treffen, wie Sie. Nur weil du dein zweites Zuhause bei ihr gefunden hast, heisst es nicht, dass dies jemals Heimat seien oder sie dir das geben wird, was du ihr gibst. Du suchst hier an der falschen Stelle nach Werten, die diese Person nicht mit sich selbst identifizieren kann. Lass endlich los.
Und falls du das hier irgendwann einmal liest: Vielleicht erkennst du den Wert der Dinge irgendwann, ich hoffe es für dich - mit Vollendung dieses Satzes möchte ich dich wissen lassen, dass du keinen Platz mehr bei mir hast und dieser auch auf ewig versiegt ist. Da ist kein Gefühl mehr, nicht mal mehr Hass: ich vergebe dir.

Und die Vergewaltigung, die ich nie Vergewaltigung nannte, um mich ihr und dieser Nacht nicht stellen zu müssen. Es mindert nicht meinen Wert. Mein Wert ist nämlich nicht von Anderen abhängig. Es war und ist nicht meine Schuld - es ist seine. Nichts in der Welt rechtfertigt sein Verhalten. Wohl der wichtigste Rat, den ich mir selbst hätte geben müssen: Marlene, es ist und bleibt eine Vergewaltigung, auch wenn du es dir selbst nicht eingestehst. Es ändert nichts; ja, er hat dich geschlagen, gedemütigt und danach nicht mehr ansprechbar in der Kälte hinter einem unbewohnten Gebäude liegen lassen, er hat sich Besitz an dir verschafft, gegen deinen Willen und auch gegen jede Gegenwehr. Dein Spiegelbild hat Bände gesprochen, deine Angst auch. Erzähl jemandem davon und warte nicht drei Jahre, bis dir die ersten Details wieder hochkommen, weil du immer noch Albträume hast. Geh zur Polizei. Die Vergewaltigung wird dich in Stücke zerreißen, aber sie wird dich nicht beenden.



"Weisst du, ich glaube ich würde mir nichts raten, sondern mich entschuldigen.", sagte ich, während ich mich zum ersten Mal seit geraumer Zeit von meinem Ausblick auf das Wasser abwandte. "Es tut mir so unendlich leid, dass ich mich selbst nicht genug geliebt habe, dass ich mir selbst nicht wichtig genug war."

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Ich habe bewusst nie Tagebuch geschrieben, weil dies für mich immer Abstand und Abschied symbolisiert hat. Vielleicht hätte ich es trotz dessen tun sollen. Ich hab Distanz gewonnen, mit so wenigen Zeilen. Meine Vergangenheit tut mir weh und das ist auch okay. Aber sie hat keine Kraft mehr über mich.
Ich habe abgeschlossen - Ich bin unverwundbar.



15102017

Diktion

"Ja. Ja, es hat wahrscheinlich einen tieferen Grund, einen Sinn dahinter, den wir gerade aber als Gegebenheit hinnehmen, weil es belanglos ist; zumindest scheint es so." 
Ich bleibe extra ein paar Schritte hinter dir stehen, um zu sehen, was du siehst, vielleicht auch um zu prüfen, ob du dich umdrehst, um nach mir zu sehen - ob du auf mich wartest oder zurückkommst. 
"Meinst du, dass das uns etwas sagen soll? Ich meine damit, dass es so nebelig ist und wir die Aussicht nicht genießen können.", zersplitterst du meinen Gedankengang in eine ganz andere Sichtweise - wie mit Absicht, nur spontan zielgerichtet. So, als würde man treffen, obwohl nur zögerlich versiert wurde. 
"Meinst du, damit soll uns etwas gesagt sein? Ich meine damit, dass es so nebelig ist und wir nur bestimmte Dinge sehen und vielleicht die Aussicht so viel eher auf das Wesentliche, das Verborgene, übertragen können.", erwiderte ich, während ich dich von der Seite anlächelte, weil ich wusste, was es mit dir macht, bevor ich es ganz ausspreche. 
Du unterdrückst dein Lächeln, du wusstest es ebenfalls. Wir wissen es beide. „Gehen wir?“ Wir gehen; du mir ein paar Schritte hinterher, vielleicht um zu sehen, ob ich stehen bleibe, vielleicht um zu reflektieren, warum du selbst das so oft machst.
Und wenn wir uns dann ansehen, während wir eigentlich am Fahren sind, dies jedoch seit Stunden nur noch als Nebeneffekt ansehen, weil das Wirkliche, dass das nachklingt, der Moment ist, den wir angehalten haben - der Moment, wo wir nur uns sehen und uns anstrahlen. „Weißt du, was ich gerade in dieser Sekunde gedacht habe, als ich dich einfach nur angesehen habe, Marlene ? Dass ich dich wirklich über alles liebe. Über alles.“

Ja, ich wusste es, ich wusste was du genau in dieser Sekunde gedacht hast, denn das ist es - weil du weißt, was du mit mir machst, bevor du es ganz aussprichst; meine Gedanken waren exakt die Gleichen, du warst nur schneller mit deinen Worten. "Über alles."






09102017

Aval

"Was hast du gefühlt Marlene?", sagst du auf einmal ganz schnell, nachdem du das Radio wieder leiser gedreht hast. Ich hab bemerkt, dass du drüber nachgedacht hast, ob du mir diese Frage jetzt stellst. Ich male mir deinen inneren Monolog aus, während ich darüber nachdenke, wie ich antworten kann, ohne zu antworten. "Ich meine, als sich unsere Hände berührt haben.", ergänzt du sofort, um mir meinen Ausweg zu nehmen; du hast gemerkt, dass ich ihn suche.

"Und was fühlst du jetzt?", kommentierst du dich selbst, als ob du dir gerade selbst Mut machst, um nach meiner Hand zu greifen. Spätestens dort war der Zeitpunkt, an dem wir beide wussten, dass dieser gesamte Komplex, den wir aufgebaut haben, nicht hält. Mit jedem Blick ist es ein bisschen mehr in sich zerfallen. Mit jedem Lächeln und dem verlegenen zur Seite Schauen, wenn wir uns zu lang in die Augen gesehen haben, als wir es uns selbst zu Anfang doch gestattet hatten, hat es sich aufgelöst."Ich fühle gerade so so viel, genau das Selbe wie du. Wir fühlen gleich." 

Der Ausblick hat uns nicht interessiert, aber viel gezeigt. Wer werden wir irgendwann sein? Wir wissen es nicht, Alles vielleicht. Wir waren uns nur bei einer einzigen Sache sicher: 
"Wir schaffen das irgendwann." .. "Ich weiß, Marlene."
Und ja, wir wissen, dass wir uns lieben. Dass wir uns zu oft auf die Probe stellen und Angst haben, dass wir uns verletzten, trotz des Wissens, dass wir beide irgendwie nicht ohne einander können. Dass es unverständlich für Andere sein mag, aber für uns so unendlich viel Sinn ergibt, weil wir uns sicher sind, sicher mit uns. Dass es vielleicht noch schwieriger wird, bevor wir endlich da ankommen können, wo wir beide hinwollen - zu zweit in ein Zuhause.

Und ja, ja ich habe diesen leise geflüsterten Satz gehört. Diesen Satz, während wir unendlich froh waren, uns wiederzuhaben - uns nicht mehr vermissen zu müssen. Diese Momente, die viel zu schnell vergingen, die wir jetzt versuchen festzuhalten und nicht mehr loszulassen, weil da so viel Gefühl auf einmal war; ausschließlich Gefühl und nicht eine Sekunde irgendetwas anderes. Und ja:

"Ich liebe dich auch, immer."





10092017