Selbstbild - psychoanalytisch

Es fühlt sich gut an - hier zu sitzen und dich anzusehen. Ich beobachte dich, ich sehe dir zu, wie du mir etwas erzählst, eigentlich wie du mir ein Stück von dir selbst vorsichtig über den Tisch reichst, als würdest du mir nachschenken wollen. Unbeabsichtigt, unüberlegt unvorsichtig - ich merke, du denkst gerade nicht nach.
Du erlaubst dir selbst zu fühlen, vorsichtig. Oder - ich hab dich deine Angst kurz vergessen lassen.
Du schaust kurz zur Seite und ich in den Spiegel um sehen, was du siehst. Nichts spezielles, vielleicht  nur einen Ausweg. Ich lächle dich an, unbewusst. Denn das hast du irgendwie mit mir gemacht.

Du lächelst leicht, willst es unterdrücken. Du drehst dich zum dritten Mal zur Seite und spielst mit dem Zucker, der direkt auf dem Tisch neben uns steht. Das machst du nur, wenn du sprichst. Vielleicht war es ein Stück Nervosität, vielleicht ein Stück des Themas, was dich ängstlich macht.
"Ich bin wirklich vorsichtig geworden", legst du auf den Teller und schiebst ihn mir zu. Ich lasse es zunächst dort liegen; bewusst. "Oder möchtest du den Rest der Pizza?", frage ich anstelle dessen. Du drehst deine Armbänder am rechten Handgelenk. Das machst du nur, wenn ich spreche.
Und du verneinst, obwohl du Ja sagen möchtest - das habe ich gesehen. Es freut mich, denn du möchtest mir gefallen.

Und im Auto zurück, sehe ich dich an. Ich sehe dich. Du schaust auf die Straße, bemerkst aber, dass ich dich ansehe. Das sollst du auch; ich möchte, dass du das weißt. Und du weißt es, deswegen bist du auch den Umweg gefahren. "Ich bin auch wirklich vorsichtig geworden", packe ich aus meiner Tasche aus, denn ich habe es von vorhin mitgenommen.
"Das passt aber gerade nicht hierzu.", sagst du und bestätigst damit meinen Gedanken von vor anderthalb Stunden. Eigentlich.

Und dann - dann steigen wir aus, wir und unsere Angst. Und stehen uns gegenüber. Abschied - kurz. Ich drehe mich um und laufe zu meinem Auto. "Nachti!" Ich brauche mich nicht umdrehen, ich höre dein Lächeln in deiner Stimme.


07012018

Standort

Ich blicke von meinem Rotweinglas nach links zur Fensterscheibe und bemerke die leichte Silhouette, die um meinen Körper fällt. Ich bin ein bisschen glücklich - ich genehmige es mir selbst.

"Babe, brich mir nicht wieder das Herz, das hast du schon einmal zu oft gemacht.", flüstert es aus München. Ich weiß es und ich bin mir meiner Schuld bewusst. Ich grinse in mein Glas mit Alkohol. Ich breche es dir wieder. Es fühlt sich gut an dir weh zu tun. Mein München lädt mich ein, er will dass ich bei ihm bin, zu ihm komme und die Zeit dort verbringe.

Ich streiche mir die Haare aus dem Gesicht, "Tut mir leid, ich bin schon auf dem Weg nach Essen; ich werde dort erwartet." Mein Essen will mir die Stadt zeigen. Und kurz bevor ich in den Zug steige, denke ich nach. Ich könnte mit dem Ticket auch auf halben Weg aussteigen, mein Dortmund will mich wieder - mein Dortmund denkt an mich - mein Dortmund ruft nach mir.

Doch bevor ich in den Zug steigen kann, wache ich auf. Ich liege in einem Kofferraum - ich muss aus Göttingen weg. Denn ich werde in Kassel erwartet, mein Hofgeismar bittet um mich - die Heckklappe öffnet sich und ich steige aus dem fremden Wagen aus. Ich stehe direkt in meinem Club - in meiner Vergangenheit. Ich tanze die ganze Nacht und lasse mir mein Glas nachschenken - oft. Ich wechsle meine Tanzpartner - oft.

"Marlene, wieso suchst du dir deine Männer immer so weit weg aus, stört es dich nicht, dass du sie nie sehen kannst, wenn du willst?", fragt mich meine Freundin und sucht weiterhin die Tomaten aus ihrem Salat. "Nein, es stört mich nicht, es ist sogar besser so. Ich kann machen was ich will und keiner kann mich kontrollieren. Niemand wird je von dem Anderen wissen. Ich will diese Typen doch auch gar nicht sehen, ich brauche nur Platz für mich in anderen Städten. Ich bin doch sowieso jedes Wochenende woanders, ich suche keine Männer, ich suche Möglichkeiten."

Ich ziehe meine Sonnenbrille aus meiner Frisur und setze sie mir auf.
Es ist mir egal, denn ich setze mich jetzt in mein Auto - ich fahre für das neue Jahr in den Norden. Mein Hamburg braucht mich jetzt.


27122017

Dependenz

Er hält mir die Tür auf, ich lächle. Das hast du sonst immer gemacht. Ich bedanke mich und gehe vor, bis ich zwei Meter vor dem Ober stehen bleibe, ich schaue mich um; sehe den Mann hinter der Theke, er lächelt mich an. Ich drehe mich weg, meine Begleitung hat nach unserem reservierten Tisch gefragt, wir werden sofort zum Platz geleitet. Er zieht mir den Stuhl vor, damit ich mich setzten kann. Das hast du nie gemacht. 

Ich schaue in die Karte und suche, ob es meinen Lieblingswein gibt. "Was möchtest du haben?", kommt es von meiner gegenüberliegenden Tischseite. "Ich trinke Wein, du?", beantworte ich die Frage kurzbündig. Auf seine Gegenantwort, dass ich ja noch fahren müsse, lächelte ich nur. Ich habe bereits zuhause ein Glas Champagner getrunken. Auf was hast du angestoßen? Auf mich? Hallt es plötzlich durch den Raum.

Er erzählt mir von den teuren Autos, die seine Familie fährt, von dem Unternehmen, dass er von seinen Eltern übernehmen wird, von seiner Karriere und von dem Traum, sich selbstständig zu machen bevor er 25 ist. Davon, dass Kreditkartenlimits nichts für ihn sind und warum er die CDU wählt. Ich schweife ab, ich lächle durchgängig und nicke. Ich denke nach. Ich weiß nicht warum.

Ich fange meine Gedanken wieder ein und sehe ihn an. Seine Augenfarbe ist braun; ich bin erneut zu dem Entschluss gekommen, dass ich keine braunen Augen mag, außer deine. Ich sehe, wie er mich ansieht, ich weiß, dass er mich will. Ich sehe es ihm an, ich sehe, wie er an meinen Lippen hängt und wie er seine Hand auf den Tisch legt, als bloße Aufforderung, dass ich ihm meine ebenfalls zuwende. Ich überprüfe es, in dem ich mir durch die Haare streiche und sehe, wie seine Augen meiner Hand folgen, die ich sofort wieder unter den Tisch lege. Ich habe ihn.

Er bezahlt die Rechnung und ich stehe auf. Er will mich wiedersehen. Am besten noch die nächste Woche. Als ich auf mein Handy gucke, leuchten mir unzählige Nachrichten entgegen; alle von Männern, bestimmt 8 Verschiedene. Ich schaue mich um und sehe so viele Gesichter und alles was ich wirklich darin sehe, ist deine Abwesenheit. Er kommt mir nah, er will mich küssen. Ich drehe mich weg und umarme ihn. Ich frage mich, ob du ihn an meiner Stelle wohl geküsst hättest. Ich beantworte mir die Frage mit "Ja".

Ich laufe zurück zu meinem Auto, durch die noch immer volle Innenstadt. Ein Blick auf meine Uhr: 10.000 Euro. Ich ziehe sie ab und lege sie in meine Jackentasche zu meiner Kette. Ich kann es nicht mehr hören. Ich fühle mich schlecht. Ich halte kurz an und gebe einem Obdachlosen meinen Pizzakarton mit meinen Resten; er freut sich. Ich habe etwas Gutes getan, aber eigentlich nur, damit ich mich besser fühle. Ich fühle mich aber nicht besser. Der Mann hinter mir spricht mich an, er ist gerührt von meiner Geste. Dabei habe ich das für mich getan. Ich war egoistisch und wurde auch noch dafür gelobt.

Er hat mir bereits geschrieben, als ich noch nicht im Auto saß. Ich ignoriere ihn. Ich kriege Jeden, den ich will; eigentlich, nur dich nicht. Dabei bist du der Einzige, den ich wirklich will. Ich fühle mich schlecht. Ich denke wieder nach. Ich prangere dich an für dein Verhalten. Ein Stück für deine Beziehungsunfähigkeit, ein Stück für deinen Egoismus. Dabei bin ich genauso. Ich hätte ehrlich sein müssen. Vielleicht gehen wir mit ähnlichen Problemen nur unterschiedlich um. "Du bist so gut zu mir", wiederhole ich in meinen Gedanken immer wieder. War ich das wirklich?


17122017

Vergissmeinnicht

"Mama?", flüstere ich ganz leise, nachdem ich gehört habe, wie sie meine Schiebetür des Kleiderschranks mit Wucht zuschlägt, weil sie es hasst. Weil sie es hasst, wie ich ein Synonym für ein Stück Familie durch den Flur flüstere, aus Angst vor Reaktion und aus Schuld, weil sie weiß, warum ich dieses Wort nur leise ausspreche.

Sie kommt wortlos in mein Zimmer und setzt sich auf den Drehstuhl in der Ecke, in den ich mich immer setzte, wenn jemand die Treppe hochkommt, damit es nicht so aussieht, als würde ich wieder aus dem Fenster starren. 
Sie schaut mich fragend an. 
"Mama,", sage ich etwas lauter, "ich kaufe mir jetzt eigene Blumen". Sie schaut weiterhin fragend und bringt mir nur ein "Du kümmerst dich doch sowieso nicht darum." entgegen.
"Das ist auch mein Ziel.", antworte ich mit viel mehr Selbstsicherheit, als ich mir zugetraut hatte.

Ich kaufe mir jetzt Blumen, einen ganzen Strauß davon. Und dann? Dann lasse ich sie eingehen. 

Ich stell sie auf den weißen Glastisch und werde kein Wasser in die Vase füllen. Ich werde sie in der Mitte durchschneiden und auf die klischeehaften Schminkkommode legen. Ich reiße ihr ein paar Blätter aus und werfe sie in ein teures, durchsichtiges Champagnerglas. Ich schmeiße den Rest des schönes Gestecks weg und trappiere das übrig gebliebene Geäst in einer leeren Rotweinflasche.

Ich kaufe mir jetzt Blumen, einen ganzen Strauß davon. Und sie gehören nur mir. Ich schenke sie mir selbst.

Ich möchte dabei sein, wenn ich sie mir selbst schenke und dabei verlegen lächle. Ich will sehen, wie ich sie stolz zu meinem Auto trage und auf meinen leeren Beifahrersitz lege. Ich möchte mir dabei zusehen, wie ich sie zur Tür trage und mir selbst überreiche. Ich kann nicht abwarten zu sehen, wie verliebt ich in mich bin. Wie ich im Vorbeigehen zur Küche in den Spiegel sehe und mich sehe. 
Nur mich und meine Blumen. 
Ich werde mir die schönsten Plätze für sie aussuchen, genau da, wo ich sie immer sehen und bewundern kann. Aber; sie werden kein Wasser bekommen.

Ich kaufe mir jetzt Blumen, einen ganzen Strauß davon. Ich mache mir ein Liebesgeständnis.



05122017

Diktion

"Ja. Ja, es hat wahrscheinlich einen tieferen Grund, einen Sinn dahinter, den wir gerade aber als Gegebenheit hinnehmen, weil es belanglos ist; zumindest scheint es so." 
Ich bleibe extra ein paar Schritte hinter dir stehen, um zu sehen, was du siehst, vielleicht auch um zu prüfen, ob du dich umdrehst, um nach mir zu sehen - ob du auf mich wartest oder zurückkommst. 
"Meinst du, dass das uns etwas sagen soll? Ich meine damit, dass es so nebelig ist und wir die Aussicht nicht genießen können.", zersplitterst du meinen Gedankengang in eine ganz andere Sichtweise - wie mit Absicht, nur spontan zielgerichtet. So, als würde man treffen, obwohl nur zögerlich versiert wurde. 
"Meinst du, damit soll uns etwas gesagt sein? Ich meine damit, dass es so nebelig ist und wir nur bestimmte Dinge sehen und vielleicht die Aussicht so viel eher auf das Wesentliche, das Verborgene, übertragen können.", erwiderte ich, während ich dich von der Seite anlächelte, weil ich wusste, was es mit dir macht, bevor ich es ganz ausspreche. 
Du unterdrückst dein Lächeln, du wusstest es ebenfalls. Wir wissen es beide. „Gehen wir?“ Wir gehen; du mir ein paar Schritte hinterher, vielleicht um zu sehen, ob ich stehen bleibe, vielleicht um zu reflektieren, warum du selbst das so oft machst.
Und wenn wir uns dann ansehen, während wir eigentlich am Fahren sind, dies jedoch seit Stunden nur noch als Nebeneffekt ansehen, weil das Wirkliche, dass das nachklingt, der Moment ist, den wir angehalten haben - der Moment, wo wir nur uns sehen und uns anstrahlen. „Weißt du, was ich gerade in dieser Sekunde gedacht habe, als ich dich einfach nur angesehen habe, Marlene ? Dass ich dich wirklich über alles liebe. Über alles.“

Ja, ich wusste es, ich wusste was du genau in dieser Sekunde gedacht hast, denn das ist es - weil du weißt, was du mit mir machst, bevor du es ganz aussprichst; meine Gedanken waren exakt die Gleichen, du warst nur schneller mit deinen Worten. "Über alles."







09102017