Das Eutektikum

Ich schau aus dem Fenster und seh' wie die Autos links an mir vorbeiziehen und rechts immer kleiner werden. Das Radio läuft, dabei höre ich sonst nie Musik - nehme sie nur als Geräuschkulisse wahr, ich brauch ein bisschen Ablenkung: ich bin nervös. 
Noch 114 Kilometer, bis ich da bin; endlich da bin. Endlich, oder? 

Steige aus meinem Auto, nehme noch meine Tasche mit, suche nachdenklich nach dem Haus, wo er wohnt und als ich dann endlich vor seiner Haustür stehe und das Klingelschild seh', warte ich. Soll ich wirklich? Ja, wirklich. Die Tür geht auf und ich laufe die Treppen hoch, er lächelt mich an, umarmt mich sofort.

Während wir durch die Stadt laufen und du mir von vergangenen Geschichten erzählst, schau ich dich von der Seite an; du bemerkst es gar nicht, vielleicht sollte ich das aber auch nur glauben: du strahlst,  ich weiß nicht, was es ist - ich suche noch. Du sitz mir gegenüber, aber alles was ich grad' sehe ist deine Augenfarbe - ich weiß nicht, was es ist: ich suche noch.

Ich weiß auch nicht, was es war, dass es so war, grade so : dort auf deinem Sofa, zusammen als wäre es schon immer
- aber ich hoffe, dass es ist und bleibt.


Kommuikationsquadrat

Manchmal spürt man die schwere der Luft, meistens dann, wenn sie einem selbst zum Atmen fehlt. Man spürt wie langsam sie vergeht, die Zeit, wenn sie mit einem Glas Rotwein auf der fremden Couch eines fremden Mannes sitzt. Verfremdlich, wie er sich zu ihr setzt, obwohl sein eigentliches Rendezvous grade auf dem Balkon steht und raucht. "Ich wollte mal nach dir sehen und fragen wie es dir geht.", flüstert er und legt seine Hand auf Ihre, die sie im Schoß platziert hatte. Das verlegene Lächeln ihrerseits und das Wegziehen ihrer Hand, um sich ein Haar aus dem Gesicht zu streichen, sollte ein Zeichen geben, aber es kam nicht an. Seine Hand fuhr ihr Bein hinauf, immer weiter; sie stand auf, ging raus auf den Balkon, er kam ihr nach. "Wir fahren jetzt Ladies, holen noch 'nen Freund ab und dann in die Bielefelder Innenstadt.", prostete er hinaus in den Nachthimmel, er wollte auf sich selbst anstoßen. Die beiden Frauen bleiben noch kurz oben, trinken das Glas aus und sehen, wie er seinem teuren Sportwagen vorfährt; beeindruckend, schwebt es in den Gedanken der Einen; verhängnisvoll, hallt es in den Gedanken der Anderen.

Zu viert steigen sie aus dem Wagen, den er direkt vor einer großen Bar geparkt hat und lassen sich von den Augen der Leute abtasten, während sie sich inmitten all dessen platzieren und ihre Getränke bestellen. Es ist ein schöner Ort, die Nacht ist warm, sie sitzen unter einem alten Baum, wie in einem Vorgarten auf Holzklappstühlen unter Lichterketten, die Atmosphäre ist entspannt; sie ahnen nichts.
Nach mehreren Drinks bezahlen die Männer die Rechnung, sie grinsen sich an, sie planen etwas, es scheint aufzugehen. Aufzustehen und zu gehen; mit einem erflogssicheren Ausdruck im Gesicht und seiner Hand, die ihren Rücken immer weiter runterfährt, langsam, bis er stehen bleibt und sie an sich ranzieht; sie dreht sich weg. "Du wirst mich noch wollen, warte nur ab.", zischt er und lässt sie los.

Es ist Zeit vergangen, es ist nur noch verschwommen. Aber ein Monolog hallt noch deutlich nach:" Marlene, dreh dich bloß nicht um, ich hab gesehen, wie er dir was in dein Glas getan hat, aber wir müssen jetzt vorsichtig sein. Keine Ahnung, ob die uns vorher schon irgendwo was reingefüllt haben, alles was zählt ist, dass wir zurück in seine Wohnung kommen, unsere Sachen und den Autoschlüssel holen und hier weg sind, bevor uns was passiert. Wenn du dich gleich umdrehst, bringst du ihn dazu, wieder mit uns nach Hause zu fahren. Wir wissen beide, dass er dich will, er darf nichts merken. Ich suche in der Wohnung alles zusammen und verstecke mich auf der Toilette und Marlene: kurz bevor er dich ausziehen will, sagst du, dass du dich frischmachen gehen willst und dann müssen wir rennen."

Ich erinnere mich daran: an das Rennen, an das Ankommen im Auto und an die Flucht vor alten Erinnerungen, an die zweiminütige Autofahrt, bevor ich das Bewusstsein verlor, aber vor allem: an die Angst.


Hohes Gericht

"Ich will hier so unbedingt weg, ich muss es sogar.", flüsterte er leise in die Leere, die ihn umgab, obwohl er inmitten seines selbstgebauten Labyrinthes saß. "Ich weiß nicht, ob man mich noch retten kann, ob ich so leben muss oder ob wir das schaffen können.", flüsterte er erneut den dunklen Gang entlang. Doch alles was da war, war das Echo. Schrill pfeifend trifft es seine Ohren und er zuckt zusammen. Beim Umschauen bemerkt er, dass er diesen Ort kennt, er war hier schon zweimal. 

Von weit weg, kommt eine leise Melodie, die ihn versucht zu lenken, zu helfen. Von einer anderen Seite hört er Getuschel, die Schaulustigen sind gekommen, um ihn zu beobachten. Anklagend stehen sie da, weit über ihm auf einem Balkon, der die Aussicht auf den ganzen Komplex freigibt und blicken auf ihn in seinem eigenen Gefängnis herab, lachen lauthals; schrill. 

Die Turmuhr schlägt und das Spektakel geht los. Die zusammengepferchten Löwen werden aus den Zwingern gelassen, sie stürzen los, sie wittern Angst. Das Labyrinth bewegt sich, die Gänge verschieben sich, sein Fluchtweg hat sich versperrt; dabei war er es selbst, der zur Show eingeladen hat. Das Rudel hat ihn gewittert und verfolgt ihn während er sich immer weiter verrennt. Alles ist verschwommen, unklar, es ist dunkel, doch es blendet ihn. 

Die weißen Skulpturen am Rand, die dort schon immer stehen, aber sonst irrelevant sind, steigen von ihren Sockeln. Da stehen die Porzellanfrauen um ihn herum; in ihren weißen Kleidern, mit freien Händen, um ihn an einen anderen Ort zu bringen. "Ich habe so eine Angst", stottert er und greift einfach zu; "Jedes Gefühl ist grade besser, als das. Betäubt mich einfach, ich fühl zu viel Schmerz!" 

Die Tribüne stößt an, auf das Meisterwerk, welches sich vor ihnen abspielt; es war jeden Preis wert. Die Frauen legen ihn in eine schmale Gasse, schauen zu, wie das Gift sich ausbreitet; ziehen sich aus und legen sich zu ihm. Doch der letzte klare Gedanke, ist die Erinnerung an die Melodie, die immer weniger zu ihm durchdringt.

Das Gefühl, das lebte

Ich öffne die Augen: alles dunkel. Das schon schwach gewordene Licht meines alten Radioweckers flackert langsam und bedächtig weiter bläulich vor sich hin. 
02:08 und ich kann nicht schlafen. 
Ich steh auf, geh zu meinem Platz und bleibe dort wie angewurzelt stehen. Die große Wanduhr tickt vor sich hin, langsam und bedächtig. Tick Tack. Ich schaue aus dem Fenster, hab meine Jalousien nicht runtergezogen. Draußen geht der Lichtmelder an und wieder aus, langsam und bedächtig. Ich schließe die Augen, sie tun mir weh. 
Gucke wieder auf die flackernde Anzeige: 02:13 und ich kann nicht schlafen. 
Die Zeit geht nicht um; nur langsam und bedächtig. Ich spüre den Luftzug, der durch das undichte Fenster kommt und weiß, wer auf dem Weg ist. 
Es entgleited mir wieder meiner Kontrolle, ich atme ganz schnell, ganz panisch, ich, ich weiß nicht wieso, ich ; ich halte den Atem an und spüre es auf meinem Rücken. 

Es zieht und zerrt sich an mir hoch, es reißt an meinen Haaren, kriecht über meinen Körper und schlingt sich fest um meinen Hals.  Es hockt auf meiner Schulter, streckt sich vor, starrt mir in die Augen, es lässt nicht locker; es ist gekommen um zu Spielen. 
Verwurzelt am Boden blicke ich es an, wie es an mir runtersteigt und sich vor mir wieder aufbaut, aufplustert und stetig wächst. Es kommt mir zu nah, legt seine Krallen um meinen Schädel und zieht mich ruckartig fest an es heran. Der kantige, rostige Körper schneidet mich, ich will weg, doch beißt es mich. Es findet Komfort in meiner Angst, es ist ein Dieb. 

Es fängt an zu murmeln, undeutlich auf einer anderen Sprache. Ich merke nicht, wie es mich verbraucht. Denn die Uhr tickt so laut, so unendlich laut; Tick Tack, ich und es, Tick Tack, es und ich, Tick, flackerndes Licht, Tack, es kratzt mich, Tick, ich, ich, der Lichtmelder; es, ich, ich, ich.

Ich atme tief ein und kneife die Augen zu; ich reiß sie auf. Es ist weg und ich bin da: allein. 
Es ist 02:55 und ich kann nicht schlafen.

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Seekrank

"Keine Ahnung, ich glaube eben, also könnte zumindest so sein ...", sagte sie vorsichtig zu ihm und guckte direkt wieder runter und griff zu ihrem Weinglas, mit dem Wissen, dass die Monologe, die mit diesem Satz anfangen, immer die ehrlichsten sind und eine geheime Botschaft mit sich umhertragen. Irgendwo hat sie diesen Wörtern dann ein kleines Schild umgehangen, wie etikettiert, nur mit einer nicht laut ausprechbaren Nachricht, die nur für den Menschen bestimmt ist, der den angehangenen Schriftzug überhaupt findet.

"Ich glaube eben, dass meine Verbindung mit der Farbe Blau zu dir daher stammen könnte, dass ich schon seit Ewigkeiten in das Meer verliebt bin." Er setzte sein Glas ab, was er seit ihres ersten Satzes sowieso nur noch in der Hand hielt, jetzt jedoch für störend empfand, weil er sich auf ihre Worte konzentrieren wollte, um sich auf die Suche nach dem Etikett zu machen. 

"Wenn ich an Meer denke, dann erinnert es mich nicht nur an das Grenzenlose, es ist nicht nur dieses Gefühl von Freiheit an sich, ich glaube, es ist viel mehr das Unberechenbare, die Seite, an die niemand denkt, wenn man von Wasser spricht." Er grinst sie durch das Kerzenlicht über den Tisch an, denn er glaubt, es sei schön zu hören, wie sie ihn mit Wasser verbinde, dabei sei er sich immer ziemlich sicher gewesen, dass ,wenn er ein Element sein müsse, er wahrscheinlich Feuer wäre. Wasser hatte er vorher nie in Erwägung gezogen.

"Manchmal denke ich, es ist die heimliche Kraft und nicht die offensichtliche, vielleicht ist es auch das Ungewisse, das ich am Meer bewundere. Der Grundbaustein allen Lebens hat auch die Macht, sich mutmaßlich für die Zerstörung zu entscheiden; es nimmt dir das, was es dir grade erst geschenkt hat. Es sind nicht nur die äußeren Einflüsse, durch die wir alle glauben sollen, dass es es genießt. Es ist nicht nur der Sturm, der ganze fremde Schiffe an sich reißt, es sind die Strudel und Schluchten, die es aus eigenem Ermessen erbaut hat, um seinen Fang gierig zu verschlingen. Es ist die gewaltige Tiefe, das kleine Stück Unwissenheit mit dem Beigeschmack von Lebenshunger." 

Er schaute kurz zu Seite, denn sie hatte ihm das Etikett für einen kurzen Moment gezeigt, der lang genug war, um ihn zu besänftigen, dass er mit seinem Gedankengang auf dem richtigen Weg ist, aber kurz genug, um seine Neugier weiter zu locken.

"Und trotz Allem hat das Meer nur eine einzige Schwachstelle; das kleine Bot, dessen Anker viel zu tief und fest sitzt, als dass er jemals von allein, noch mit Gewalt ohne Spuren zu hinterlassen, aus dem Grund gerissen werden könnte, mit der Besatzung, die nur aus einer Person besteht, die aber das entscheidende Instrument in der Hand hält: einen Kompass."
Und da war es, er hält es in seinen Händen und sie strahlen sich an, denn beide wissen, dass nur er dieses Schild finden kann.