Kleinstadtgefängnis

Ich habe meinen inneren Konflikt gefunden - ohne Hilfe, nur mit Zeit und Selbstreflektion. Und wie geht es mir dabei, ehrlich betrachtet?
Ich habe die zwei schlimmsten Monate meines Lebens hinter mir. Allein. Denn - ich musste. Und - der Komplex hält. Steril, unsicher, aber er steht. Ich war von diesen 60 Mal Vergangenheit irgendwie eigentlich nicht einmal Ich-Selbst und dabei waren es objektiv betrachtet 60 Chancen zum Heilen. Und wie geht es mir dabei, ehrlich betrachtet?

Ehrlich betrachtet.

Meine Smalltalklügen begleiten mich - mir geht es bestens! Bestens, wenn ich mich nicht mit meiner Problematik beschäftige. Bestens, wenn Männer endlich aufhören würden, mich anzusehen, weil es mich nur noch wütend macht. Und sie endlich aufhören mir zu schreiben, weil ich sie nicht ertragen kann. Mir geht es besser, nachdem ich dem Mann, der mir, völlig unwissend wer ich überhaupt bin, gesagt hat, dass er mich liebt und das zunächst über eine Textnachricht, mit der Frage, ob wir nicht eine Beziehung anfangen wollen, das Herz gebrochen habe. Und es macht mich wütend, weil er davon spricht, dass ich ihm weh getan habe, obwohl er nicht in der Lage ist, überhaupt zu beurteilen, was wirklicher Schmerz ist. Ich liebe dich, erleuchtet es mein Handy, mitten in der Nacht, während ich, in einer völlig anderen Stadt am Fenster sitze. Du hast mich nicht und wirst es auch nie (wieder) - ertönt es in meinen Gedanken. Ich möchte keinen Mann mehr, erstmal - und auch keinen Kontakt zu ihnen. Ich will, dass sie aufhören mich anzulächeln und anzusprechen; schreiben sollen sie mir erst Recht nicht. Ich wiederhole mich nicht mehr und gebe auch niemandem mehr ein gutes Gefühl, nur deshalb, damit ich, mit mir in meinem inneren Rückblick zufrieden bin.

Denn, ehrlich betrachtet, muss ich heilen - noch immer. Und? Und. Und dieser Prozess wird anhalten.

Ich habe es gelöscht! Alles! Alle 3000 digitalen Momente und jeden mit Stern verzierten Satz und als ich dachte, dass es mir den Rückweg nimmt, war alles was mir als Weg aufgezeigt wurde, eine verblasste Erinnerung an den Sommer 2015 und mein Gefühl, ausgelöst durch eine unbewusste Entscheidung aufgrund von Schlaflosigkeit im Vergleich zu dieser, Zweitausendachtzehn und ihrer Komplexität der Überzeugungskraft und der Belanglosigkeit ihres Ergebnisses. 

Ehrlich betrachtet, hat es mir nicht geholfen, es tat weh. Und es tut noch weh, weil ich jetzt in meiner Erinnerung suche, anstatt zu Lesen.

Ehrlich betrachtet, fehlst nicht nur du irgendwo - sondern, mir fehlt das, was wir uns gegeben haben.
Mir fehlt mein Wert- Ich habe ihn verloren. An dem Tag, als ich ihn in andere Hände, als meine eigenen gelegt habe und jetzt suche ich ihn verzweifelt.
Mir fehlt mir Ehrlichkeit, mir fehlt mein Zuhören, mir fehlt mein Dasein. Meine Position.
Mir fehlt der Teil von dir, der mein bester Freund war, weil er immer da war. Mir fehlt jemand. Es fehlt Verständnis und der Mut, von meinen Ängsten zu erzählen. Mir fehlt mein Nichtalleinesein. Mir fehlt Wärme. Mir fehlt jemand zum Reden. Mir fehlt jemand, der erkennt, dass ich mich nicht mehr wie ich selbst verhalte. Mir fehlt jemand, der mich durch meinen polizeilichen Konflikt begleitet. Jemand der sagt "Du schaffst das!" - Nein. Eigentlich fehlt jemand, der mich ansieht und es nicht sagt, sondern mir das bloße Gefühl vermittelt. Mir fehlt Unterstützung. Mir fehlt jemand, dessen Berührung ich nicht abweise. Mir fehlt jemand, der trotz allem, meinen Wert gesehen hat.

Ehrlich betrachtet, fehle ich mir selbst. Mir fehlt der Mensch, der ich mal war, mein Selbstwertgefühl und du.


05022018

Standort

Ich blicke von meinem Rotweinglas nach links zur Fensterscheibe und bemerke die leichte Silhouette, die um meinen Körper fällt. Ich bin ein bisschen glücklich - ich genehmige es mir selbst.

"Babe, brich mir nicht wieder das Herz, das hast du schon einmal zu oft gemacht.", flüstert es aus München. Ich weiß es und ich bin mir meiner Schuld bewusst. Ich grinse in mein Glas mit Alkohol. Ich breche es dir wieder. Es fühlt sich gut an dir weh zu tun. Mein München lädt mich ein, er will dass ich bei ihm bin, zu ihm komme und die Zeit dort verbringe.

Ich streiche mir die Haare aus dem Gesicht, "Tut mir leid, ich bin schon auf dem Weg nach Essen; ich werde dort erwartet." Mein Essen will mir die Stadt zeigen. Und kurz bevor ich in den Zug steige, denke ich nach. Ich könnte mit dem Ticket auch auf halben Weg aussteigen, mein Dortmund will mich wieder - mein Dortmund denkt an mich - mein Dortmund ruft nach mir.

Doch bevor ich in den Zug steigen kann, wache ich auf. Ich liege in einem Kofferraum - ich muss aus Göttingen weg. Denn ich werde in Kassel erwartet, mein Hofgeismar bittet um mich - die Heckklappe öffnet sich und ich steige aus dem fremden Wagen aus. Ich stehe direkt in meinem Club - in meiner Vergangenheit. Ich tanze die ganze Nacht und lasse mir mein Glas nachschenken - oft. Ich wechsle meine Tanzpartner - oft.

"Marlene, wieso suchst du dir deine Männer immer so weit weg aus, stört es dich nicht, dass du sie nie sehen kannst, wenn du willst?", fragt mich meine Freundin und sucht weiterhin die Tomaten aus ihrem Salat und ja, bei diesem Anblick musste ich lächeln. "Nein, es stört mich nicht, es ist sogar besser so. Ich kann machen was ich will und keiner kann mich kontrollieren. Niemand wird je von dem Anderen wissen. Ich will diese Typen doch auch gar nicht sehen, ich brauche nur Platz für mich in anderen Städten. Ich bin doch sowieso jedes Wochenende woanders, ich suche keine Männer, ich suche Möglichkeiten."

Ich ziehe meine Sonnenbrille aus meiner Frisur und setze sie mir auf.
Es ist mir egal, denn ich setze mich jetzt in mein Auto - ich fahre für das neue Jahr in den Norden. Mein Hamburg braucht mich jetzt.


27122017

Dependenz

Er hält mir die Tür auf, ich lächle. Das hast du sonst immer gemacht. Ich bedanke mich und gehe vor, bis ich zwei Meter vor dem Ober stehen bleibe, ich schaue mich um; sehe den Mann hinter der Theke, er lächelt mich an. Ich drehe mich weg, meine Begleitung hat nach unserem reservierten Tisch gefragt, wir werden sofort zum Platz geleitet. Er zieht mir den Stuhl vor, damit ich mich setzten kann. Das hast du nie gemacht. 

Ich schaue in die Karte und suche, ob es meinen Lieblingswein gibt. "Was möchtest du haben?", kommt es von meiner gegenüberliegenden Tischseite. "Ich trinke Wein, du?", beantworte ich die Frage kurzbündig. Auf seine Gegenantwort, dass ich ja noch fahren müsse, lächelte ich nur. Ich habe bereits zuhause ein Glas Champagner getrunken. Auf was hast du angestoßen? Auf mich? Hallt es plötzlich durch den Raum.

Er erzählt mir von den teuren Autos, die seine Familie fährt, von dem Unternehmen, dass er von seinen Eltern übernehmen wird, von seiner Karriere und von dem Traum, sich selbstständig zu machen bevor er 25 ist. Davon, dass Kreditkartenlimits nichts für ihn sind und warum er die CDU wählt. Ich schweife ab, ich lächle durchgängig und nicke. Ich denke nach. Ich weiß nicht warum.

Ich fange meine Gedanken wieder ein und sehe ihn an. Seine Augenfarbe ist braun; ich bin erneut zu dem Entschluss gekommen, dass ich keine braunen Augen mag, außer deine. Ich sehe, wie er mich ansieht, ich weiß, dass er mich will. Ich sehe es ihm an, ich sehe, wie er an meinen Lippen hängt und wie er seine Hand auf den Tisch legt, als bloße Aufforderung, dass ich ihm meine ebenfalls zuwende. Ich überprüfe es, in dem ich mir durch die Haare streiche und sehe, wie seine Augen meiner Hand folgen, die ich sofort wieder unter den Tisch lege. Ich habe ihn.

Er bezahlt die Rechnung und ich stehe auf. Er will mich wiedersehen. Am besten noch die nächste Woche. Als ich auf mein Handy gucke, leuchten mir unzählige Nachrichten entgegen; alle von Männern, bestimmt 8 Verschiedene. Ich schaue mich um und sehe so viele Gesichter und alles was ich wirklich darin sehe, ist deine Abwesenheit. Er kommt mir nah, er will mich küssen. Ich drehe mich weg und umarme ihn. Ich frage mich, ob du ihn an meiner Stelle wohl geküsst hättest. Ich beantworte mir die Frage mit "Ja".

Ich laufe zurück zu meinem Auto, durch die noch immer volle Innenstadt. Ein Blick auf meine Uhr: 10.000 Euro. Ich ziehe sie ab und lege sie in meine Jackentasche zu meiner Kette. Ich kann es nicht mehr hören. Ich fühle mich schlecht. Ich halte kurz an und gebe einem Obdachlosen meinen Pizzakarton mit meinen Resten; er freut sich. Ich habe etwas Gutes getan, aber eigentlich nur, damit ich mich besser fühle. Ich fühle mich aber nicht besser. Der Mann hinter mir spricht mich an, er ist gerührt von meiner Geste. Dabei habe ich das für mich getan. Ich war egoistisch und wurde auch noch dafür gelobt.

Er hat mir bereits geschrieben, als ich noch nicht im Auto saß. Ich ignoriere ihn. Ich kriege Jeden, den ich will; eigentlich, nur dich nicht. Dabei bist du der Einzige, den ich wirklich will. Ich fühle mich schlecht. Ich denke wieder nach. Ich prangere dich an für dein Verhalten. Ein Stück für deine Beziehungsunfähigkeit, ein Stück für deinen Egoismus. Dabei bin ich genauso. Ich hätte ehrlich sein müssen. Vielleicht gehen wir mit ähnlichen Problemen nur unterschiedlich um. "Du bist so gut zu mir", wiederhole ich in meinen Gedanken immer wieder. War ich das wirklich?


17122017

Vergissmeinnicht

"Mama?", flüstere ich ganz leise, nachdem ich gehört habe, wie sie die Wendeltreppe langsam hochgelaufen kommt, in dem Glauben, ich würde sie nicht hören.

Sie kommt wortlos in mein Zimmer und setzt sich auf den Drehstuhl in der Ecke, in den ich mich immer setzte, wenn jemand die Treppe hochkommt, damit es nicht so aussieht, als würde ich wieder aus dem Fenster starren. 
Sie schaut mich fragend an. 
"Mama,", sage ich etwas lauter, "ich kaufe mir jetzt eigene Blumen". Sie schaut weiterhin fragend und bringt mir nur ein "Du kümmerst dich doch sowieso nicht darum." entgegen.
"Das ist auch mein Ziel.", antworte ich mit viel mehr Selbstsicherheit, als ich mir zugetraut hatte.

Ich kaufe mir jetzt Blumen, einen ganzen Strauß davon. Und dann? Dann lasse ich sie eingehen. 

Ich stell sie auf den weißen Glastisch und werde kein Wasser in die Vase füllen. Ich werde sie in der Mitte durchschneiden und auf die klischeehaften Schminkkommode legen. Ich reiße ihr ein paar Blätter aus und werfe sie in ein teures, durchsichtiges Champagnerglas. Ich schmeiße den Rest des schönes Gestecks weg und trappiere das übrig gebliebene Geäst in einer leeren Rotweinflasche.

Ich kaufe mir jetzt Blumen, einen ganzen Strauß davon. Und sie gehören nur mir. Ich schenke sie mir selbst.

Ich möchte dabei sein, wenn ich sie mir selbst schenke und dabei verlegen lächle. Ich will sehen, wie ich sie stolz zu meinem Auto trage und auf meinen leeren Beifahrersitz lege. Ich möchte mir dabei zusehen, wie ich sie zur Tür trage und mir selbst überreiche. Ich kann nicht abwarten zu sehen, wie verliebt ich in mich bin. Wie ich im Vorbeigehen zur Küche in den Spiegel sehe und mich sehe. 
Nur mich und meine Blumen. 
Ich werde mir die schönsten Plätze für sie aussuchen, genau da, wo ich sie immer sehen und bewundern kann. Aber; sie werden kein Wasser bekommen.

Ich kaufe mir jetzt Blumen, einen ganzen Strauß davon. Ich mache mir ein Liebesgeständnis.



05122017

Das Plusquamperfekt

"Letzte Worte sind das, was übrig bleibt, wenn der Rest schon verschwommen ist. Sie sind das, woran wir uns klammern, bei denen wir bedacht sind, geschickt auszuwählen, da sie im Raum stehen bleiben werden, wenn es tatsächlich die Letzten waren", erklärte sie vorsichtig.

Eigentlich sind diese Worte doch schon jetzt mit Blut behaftet, denn genau diese Sätze sind es, an die wir uns erinnern und die, die uns jagen werden, es sind die, die uns nachts aus dem Schlaf reißen und es sind die, bei denen wir zusammenzucken, wenn ein anderer Mensch sie in den Mund nimmt und es wagt, sie laut auszusprechen. 

"Du glaubst doch nicht wirklich, dass das unsere letzten Wörter sind, oder?", erwiderte er spöttisch und mit einem leichten Lächeln, dass er eigentlich unterdrücken wollte. 
"Wir beide wissen, dass wir uns Wiedersehen, irgendwo, irgendwann."

Und dann, dann als sie eigentlich ihre letzten Worte, fein säuberlich einstudiert, hätte vortragen können, genau dann, 
dann war Stille. 

Denn Stille heißt kein Abschied und kein Abschied heißt Wiedersehen heißt Hoffnung, heißt Vergebung.

Wenn die zwei ehrlich zueinander waren wussten sie, dass sie nie letzte Worte füreinender finden werden. Man braucht keine letzten Worte, wenn man weiß, dass es nicht die Letzten sind.

"Sehr viele Leute sind der Auffassung, dass ich zu schwach für dich bin, sie sagen, ich sei dir einfach nicht gewachsen, einfach aus dem Grund, dass ich dich zu sehr liebe.", flüsterte sie so vorsichtig vor sich hin, dass er es grade so hören, aber dennoch runterschlucken konnte. 
"Sie sagen, ich sei nicht stark genug."



04022017