Seekrank

"Keine Ahnung, ich glaube eben, also könnte zumindest so sein ...", sagte sie vorsichtig zu ihm und guckte direkt wieder runter und griff zu ihrem Weinglas, mit dem Wissen, dass die Monologe, die mit diesem Satz anfangen, immer die ehrlichsten sind und eine geheime Botschaft mit sich umhertragen. Irgendwo hat sie diesen Wörtern dann ein kleines Schild umgehangen, wie etikettiert, nur mit einer nicht laut ausprechbaren Nachricht, die nur für den Menschen bestimmt ist, der den angehangenen Schriftzug überhaupt findet.

"Ich glaube eben, dass meine Verbindung mit der Farbe Blau zu dir daher stammen könnte, dass ich schon seit Ewigkeiten in das Meer verliebt bin." Er setzte sein Glas ab, was er seit ihres ersten Satzes sowieso nur noch in der Hand hielt, jetzt jedoch für störend empfand, weil er sich auf ihre Worte konzentrieren wollte, um sich auf die Suche nach dem Etikett zu machen. 

"Wenn ich an Meer denke, dann erinnert es mich nicht nur an das Grenzenlose, es ist nicht nur dieses Gefühl von Freiheit an sich, ich glaube, es ist viel mehr das Unberechenbare, die Seite, an die niemand denkt, wenn man von Wasser spricht." Er grinst sie durch das Kerzenlicht über den Tisch an, denn er glaubt, es sei schön zu hören, wie sie ihn mit Wasser verbinde, dabei sei er sich immer ziemlich sicher gewesen, dass wenn er ein Element sein müsse, er wahrscheinlich Feuer wäre. Wasser hatte er vorher nie in Erwägung gezogen.

"Manchmal denke ich, es ist die heimliche Kraft und nicht die offensichtliche, vielleicht ist es auch das Ungewisse, das ich am Meer bewundere. Der Grundbaustein allen Lebens hat auch die Macht, sich mutmaßlich für die Zerstörung zu entscheiden; es nimmt dir das, was es dir grade erst geschenkt hat. Es sind nicht nur die äußeren Einflüsse, durch die wir alle glauben sollen, dass es es genießt. Es ist nicht nur der Sturm, der ganze fremde Schiffe an sich reißt, es sind die Strudel und Schluchten, die es aus eigenem Ermessen erbaut hat, um seinen Fang gierig zu verschlingen. Es ist die gewaltige Tiefe, das kleine Stück Unwissenheit mit dem Beigeschmack von Lebenshunger." 

Er schaute kurz zu Seite, denn sie hatte ihm das Etikett für einen kurzen Moment gezeigt, der lang genug war, um ihn zu besänftigen, dass er mit seinem Gedankengang auf dem richtigen Weg ist, aber kurz genug, um seine Neugier weiter zu locken.

"Und trotz Allem hat das Meer nur eine einzige Schwachstelle; das kleine Bot, dessen Anker viel zu tief und fest sitzt, als dass er jemals von allein, noch mit Gewalt ohne Spuren zu hinterlassen, aus dem Grund gerissen werden könnte, mit der Besatzung, die nur aus einer Person besteht, die aber das entscheidende Instrument in der Hand hält: einen Kompass."
Und da war es, er hält es in seinen Händen und sie strahlen sich an, denn beide wissen, dass nur er dieses Schild finden kann.

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